veröffentlicht am 08.09.2021

Greenpeace-Analyse: Naturschutz der letzten Jahrzehnte gescheitert

Zertifizierungen, CO2-Kompensation und Naturschutzgebiete verfehlen Biodiversitäts-Ziele - Umweltschutzorganisation fordert gesetzliche Regelungen

Mit einer heute veröffentlichten, von der Journalistin Kathrin Hartmann verfassten Analyse zeigt Greenpeace auf, dass der globale Naturschutz der letzten Jahrzehnte gescheitert ist. 2010 einigten sich die CBD-Vertragsstaaten im japanischen Nagoya auf 20 Ziele zum Schutz der Biodiversität bis 2020. Bis heute wurde keines dieser sogenannten Aichi-Ziele erfüllt. Von den heute bekannten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten sind eine Million vom Aussterben bedroht. 68 Prozent der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien wurden zwischen 1971 und 2016 ausgelöscht. Hartmann kommt zum Ergebnis, dass zentrale Instrumente des globalen Naturschutzes wie Zertifizierungen, CO2-Kompensation und die Errichtung von Naturschutzgebieten sowohl das Artensterben als auch Klimakrise und Menschenrechtsverletzungen nicht wirksam bekämpfen konnten. Als Lösungen werden in der Greenpeace-Analyse ein konsequentes globales Waldschutzgesetz, ein Meeresschutzgesetz und ein Lieferkettengesetz angegeben.

„Das Artensterben ist eine der größten und weitreichendsten Krisen unserer Zeit: Weltweit sterben täglich 150 Arten aus. Gebrochene Versprechen, Greenwashing von Konzernen und Scheinlösungen wie profitorientierte Zertifikate konnten und können diese Krise nicht aufhalten”, sagt Greenpeace-Wirtschaftsexpertin Ursula Bittner anlässlich der Veröffentlichung der Analyse. Zertifikate wie das Gütezeichen FSC für Holz oder RSPO für Palmöl täuschen Nachhaltigkeit vor, obwohl die damit ausgezeichneten Konzerne bzw. ihre Zulieferer nachweislich illegal Wälder roden. CO2-Kompensation oder sogenanntes Offsetting ermöglicht Konzernen, sich von Umweltschäden freizukaufen. So wird Umweltverschmutzung schöngerechnet, anstatt konsequent Treibhausgase zu reduzieren und das Klima zu schützen. Ebenso haben Organisationen wie The Nature Conservancy Naturschutzgebiete errichtet, bei denen die lokale Bevölkerung in den seltensten Fällen mit einbezogen wurde. Der Ansatz „Natur ohne Menschen“ vertreibt die lokale und indigene Bevölkerung und zwingt sie durch den Verlust ihres Lebensraums in die Armut.

„Statt die Artenvielfalt zu schützen, wurde von Seiten der Wirtschaft und Politik an Marktlösungen festgehalten und damit der Status Quo zementiert und legitimiert. Bei derlei Initiativen ging es nie darum, weniger problematische Rohstoffe zu verbrauchen oder darum, anders zu wirtschaften“, fasst die Journalistin Kathrin Hartmann zusammen. Zwischen 2015 und 2020 wurden jährlich zehn Millionen Hektar Wald zerstört, täglich sterben noch immer 150 Tier- und Pflanzenarten aus. „Die Ursache von Klima- und Biodiversitätskrise ist ein System, das auf Wachstum und Ausbeutung von Mensch und Natur aufbaut – insbesondere im globalen Süden. Um nichts ändern zu müssen, werden Gebiete im globalen Süden im Namen des Naturschutzes zerstört, um Monokulturen für CO2-Kompensationen anzubauen”, sagt Bittner.

Menschen im globalen Süden werden durch den Ressourcenhunger und falsche Naturschutzmaßnahmen der Industrienationen gleich mehrfach ausgebeutet: So wird auf billige Natur und Arbeitskräfte in Ländern des globalen Süden zurückgegriffen. Freiwillige Zertifizierungen kurbeln die Zerstörung von artenreichen Ökosystemen an. Die dort anschließend angepflanzten Monokulturen aus Palmöl und Soja kommen wiederum großteils den Industrieländern statt den Menschen vor Ort zugute. Auch CO2-Kompensationsplantagen und Naturschutzgebiete verdrängen zunehmend die einheimische Bevölkerung. „Es ist eine Spielart des Kolonialismus, wenn Naturschutzorganisationen in Ländern des globalen Südens, wie in Kenia, Flächen als Schutzzonen abriegeln, um diese dann als als CO2-Gutschrift an multinationale Firmen zu verkaufen. Beispielsweise bietet eine Partnerorganisation von The Nature Conservancy in Kenia derzeit 3,2 Millionen Kohlenstoffgutschriften für 1,9 Millionen Hektar Land in Samburu, Nordkenia, zum Verkauf an. Die in dem Land ansässigen Gemeinschaften wurden für diesen Zweck an die Ränder des Gebiets vertrieben”, sagt der kenianische Ökologe Mordecai Ogada, Geschäftsführer von Conservation Solutions Afrika, einer Beratungsfirma für das Management natürlicher Ressourcen.

In den kommenden Monaten werden in der EU und auf internationaler Ebene relevante Entscheidungen für den Naturschutz getroffen. Das EU-Gesetz für globalen Waldschutz, die Klimakonferenz COP in Glasgow und die Biodiversitätskonferenz CBD in Kunming werden neue Rahmenbedingungen schaffen. „Die österreichische Bundesregierung muss sich in internationalen und europäischen Verhandlungen für einen progressiven Artenschutz stark machen. Konkret heißt das: Die heimische Politik muss dafür sorgen, dass ein starkes EU-Gesetz für globalen Waldschutz beschlossen wird, das nicht auf Greenwashing-Zertifikaten aufbaut. Sie muss bei der COP in Glasgow dafür eintreten, dass ein globaler Kohlenstoffmarkt verhindert wird, auf dem Länder mit CO2-Kompensationen handeln. Und sie muss sich dafür einsetzen, dass bei der CBD in Kunming nur Beschlüsse zustandekommen, bei denen die Menschenrechte im Mittelpunkt stehen”, fordert Bittner.

Die Analyse wird heute im Rahmen der Konferenz “Verraten und verkauft - Naturzerstörung durch Greenwashing unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit” präsentiert.

Datum: 8. September 2021
Uhrzeit: 18:00
Ort: Greenpeace-Büro Wien, 1050, Wiedner Hauptstraße 120-124, 4.Stock
Anmeldung unter: https://act.gp/Anmeldung

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