veröffentlicht am 01.06.2022

Greenpeace-Bericht zeigt: Europäische Fluglinien fallen bei Klimaschutz durch

“Bestnoten” bei Greenwashing mit CO2-Kompensation und “Biosprit” – Ministerin Gewessler muss sich beim morgigen EU-VerkehrsministerInnenrat gegen Agro-Kerosin aussprechen

Ein neuer Bericht im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace zeigt: Die sieben größten europäischen Airline-Gruppen ergreifen bei weitem nicht genügend Maßnahmen, um ihre CO2-Emissionen zu senken. Die europäischen Fluggesellschaften müssen bis 2040 jährlich mindestens 2 Prozent ihrer Flüge reduzieren, um im Einklang mit dem Pariser 1,5°C-Klimaziel zu sein. Der neue Bericht zeigt jedoch: Die untersuchten Fluggesellschaften haben weder jährliche Reduktionsziele für ihre Treibhausgasemissionen festgelegt, noch sich zu einer Reduzierung von Flügen oder einer vollständigen Dekarbonisierung bis 2040 verpflichtet. Stattdessen setzen fast alle untersuchten Konzerne auf alternative Flugkraftstoffe (SAF), um Emissionen zu senken. Keiner schließt aus, dass dabei schädliche Agrotreibstoffe verwendet werden, die mit Umweltzerstörung, Abholzung, Menschenrechtsverletzungen und Nahrungsmittelknappheit in Verbindung stehen. Vor dem Hintergrund dieser desaströsen Ergebnisse fordert Greenpeace die zuständige Klimaministerin Leonore Gewessler auf, beim EU-VerkehrsministerInnen-Rat am 2. Juni in Luxemburg vehement gegen Greenwashing mit SAF aufzutreten.

“Die Flugindustrie versteckt sich mit ihren schwindelerregenden Treibhausgasemissionen und ihrer Untätigkeit beim Klimaschutz hinter leeren Versprechen und einem Vorhang von Greenwashing. Dazu kommen unbrauchbare Konzepte wie die Nutzung von Agro-Treibstoffen in der Luftfahrt. Das ist ein klares ‘Nicht Genügend’ für die Flugindustrie”, sagt Greenpeace-Sprecher Herwig Schuster. “Die EU darf die großen Luftverschmutzer nicht länger mit ihren falschen Lösungen davonkommen lassen, sondern muss endlich entschlossene Maßnahmen setzen – angefangen mit einem Verbot von Kurzstreckenflügen mit vernünftigen Zugalternativen und einer Reduzierung von Businessflügen”, so Schuster.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Austrian Airlines-Muttergesellschaft Lufthansa, Air France-KLM, IAG (einschließlich British Airways und Iberia), Ryanair, easyJet, SAS und TAP Air Portugal hauptsächlich auf falsche und wirkungslose Maßnahmen setzen, um ihre Emissionen zu senken. Dazu gehören die vorgebliche Klimaneutralität [1], das wirkungslose Greenwashing mit CO2-Kompensation [2] und kontraproduktive Ansätze wie alternative Biokraftstoffe (SAF) im Flugzeugtank [3]. Im Jahr 2019 waren die sieben größten europäischen Fluggesellschaften allein für 170 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen verantwortlich – das ist mehr, als die gesamten jährlichen Emissionen von Österreich, Ungarn und der Slowakei zusammen.

Die Austrian Airlines-Mutter Lufthansa möchte bis 2030 ihre Gesamtemissionen lediglich rechnerisch halbieren und bis 2050 die CO2-Neutralität mittels Kompensationsmaßnahmen erreicht haben. Insgesamt stuft der Bericht die Glaubwürdigkeit der Klimaversprechen der Lufthansa-Gruppe – genauso wie die fast aller anderen untersuchten Konzerne – als sehr gering ein. Nur die TAP - Air Portugal schneidet noch schlechter ab: Sie hat überhaupt keine Klimaziele bekannt gegeben. “Obwohl die Lufthansa-Gruppe alleine 2020 neun Milliarden Euro an öffentlichen Rettungsgeldern kassiert hat, haben sich die Klima-Ambitionen der Fluggesellschaft praktisch nicht verbessert. Die Klimaziele wurden nicht angepasst und es werden weiterhin CO2-Kompensationsmöglichkeiten genutzt, anstatt tatsächlich den Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Außerdem wird auf Zukunftstechnologien verwiesen, die nicht annähernd marktreif sind. Auch die Verwendung extrem umweltschädlicher Agro-Treibstoffe wird nicht ausgeschlossen. Die Lufthansa-Gruppe und alle anderen Airlines müssen endlich ihre Hausaufgaben machen und aktiv an der Erreichung der Klimaziele mitarbeiten. Statt Bestnoten beim Greenwashing zu schreiben, braucht es jetzt endlich Spitzenleistungen im Klimaschutz”, kritisiert Herwig Schuster.

Der Nutzen alternativer Treibstoffe wird von den Airlines massiv überbetont, mit dem Ziel, nachhaltig zu erscheinen. SAF-Treibstoffe haben jedoch im Jahr 2019 nur 0,1 Prozent oder weniger des gesamten jährlichen Kerosinverbrauchs aller untersuchten Fluggesellschaften ausgemacht. Die Lufthansa-Gruppe ist die einzige Airline, die in die Entwicklung von E-Treibstoffen auf Basis erneuerbarer Energien investiert. In Anbetracht der extrem geringen Produktionskapazitäten im Vergleich zum Verbrauch und der extrem hohen Kosten wird diese Lösung aber den Bedarf der Airlines niemals ohne Reduktion der Flüge decken können [4]. Denn klar ist auch: Nirgends im europäischen Verkehrssektor wachsen die Treibhausgasemissionen so schnell wie im Luftverkehr. Airlines sind nach den geltenden EU-Vorschriften aber dennoch nicht verpflichtet, ihren Flugverkehr zu dekarbonisieren oder zu reduzieren. Der Sektor profitiert sogar zusätzlich von kostenlosen CO2-Zertifikaten. Zusätzlich erhalten die Konzerne großzügige Steuerbefreiungen für Flugtreibstoff. 2020 haben die sieben untersuchten Airlines schließlich auch noch 30 Milliarden Euro an öffentlichen COVID-Fördermitteln erhalten. Anstatt diese Steuergeschenke und Subventionen jedoch in echte Klimaschutzmaßnahmen zu investieren, bleiben alle Bemühungen für umweltfreundliches Verhalten im Sektor aus. Greenpeace fordert die EU auf, die Steuervergünstigungen für Fluggesellschaften zu stoppen und den Sektor aus seiner Abhängigkeit vom Öl zu befreien, um das 1,5°C-Klimaziel zu erreichen. “Statt sich auf technologische Scheinlösungen zu stützen, müssen Flüge insgesamt massiv reduziert werden. Greenpeace fordert daher ein umgehendes Verbot von Kurzstreckenflügen, die mit guten Bahnverbindungen abgedeckt sind. Die Fluglinien müssen endlich verbindliche und klare Vorgaben erhalten, um bis 2040 komplett aus fossilen Treibstoffen auszusteigen – und zwar ohne Kompensationsmaßnahmen”, fordert Schuster abschließend

+++ REPORT & INFOS +++



Informationen

[1] Klimaneutralität (oder “Netto-Null”) ist ein Konzept, das von KlimawissenschaftlerInnen als "gefährliche Falle" kritisiert wird. Es basiert auf der Idee, dass ein Verschmutzer weiterhin fossiles CO2 ausstoßen und die Emissionen ausgleichen kann, indem er jemand anderen dafür bezahlt, in Zukunft hoffentlich Emissionen einzusparen. Sechs der sieben untersuchten Luftfahrtkonzerne verpflichten sich, bis 2050 "klimaneutral" zu werden.

[2] Bei der CO2-Kompensation tauscht ein Verursacher, der Treibhausgase ausgestoßen hat, seine Verschmutzung gegen eine Gutschrift für Kohlenstoff aus, die von jemand anderem aufgenommen wurde. Es handelt sich um eine Lizenz zur weiteren Verschmutzung im Tausch gegen Kohlenstoffgutschriften, z.B. aus Baumpflanzungen oder Naturschutzprojekten, die in der Zukunft Emissionen einsparen sollen. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass viele dieser Projekte nicht zu tatsächlichen Emissionseinsparungen führen: Das deutsche Öko-Institut hat 2017 im Auftrag der Europäischen Kommission 5.000 CO2-Kompensationsprojekte untersucht. Nur 2 % dieser Projekte führten tatsächlich zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen.

[3] Alternative Treibstoffe (SAF) bezeichnen relativ neue Arten von Flugkraftstoff, die meist auf Biomasse basieren und Kerosin ersetzen sollen. Agrotreibstoff ist besonders problematisch, da er oft mit der Zerstörung der Natur und dem Verlust der biologischen Vielfalt, Menschenrechtsverletzungen und Nahrungsmittelknappheit in Verbindung gebracht wird. Vor der COVID-Pandemie wurden weltweit weniger als 200.000 Tonnen SAF produziert, ein winziger Bruchteil der 300 Millionen Tonnen Düsentreibstoff, die von kommerziellen Fluggesellschaften in einem normalen Jahr benötigt werden. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass SAF selbst im Jahr 2040 erst 19 % der Treibstoffe für Fluggesellschaften ausmachen wird, während weiterhin 81 % auf Erdöl-basiertes Kerosin entfallen wird.

[4] E-Kerosin ist ein neuartiger, synthetischer Düsenkraftstoff auf der Grundlage erneuerbaren Stroms , der es den Fluggesellschaften ermöglichen könnte, die Treibhausgasemissionen für die drastisch reduzierten und verbleibenden Flüge, die nicht vermieden oder auf die Schiene verlagert werden können, langfristig zu senken. Da die weltweite Produktion von E-Kerosin jedoch nur etwa 0,00004 % des gesamten in der EU in einem Jahr benötigten Flugzeugtreibstoffs ausmacht, ist dieses weit davon entfernt, in größerem Umfang verfügbar zu sein. Daher muss die Produktion von E-Kraftstoff aus 100 % erneuerbarem Strom in den nächsten Jahren massiv ausgeweitet werden.

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